Der Partial-Holismus

Unter Leitung von Norbert Huppertz an der Pädagogischen Hochschule Freiburg ab 1985/86 im Rahmen von Lehre und Forschung entwickelt, versteht sich der Partial-Holismus (von latein.: pars der Teil und griech.: holon das Ganze) als die Lehre von der Betrachtung und Erforschung des Teiles (pars) einerseits sowie dessen Verbindung zu seinem Ganzen (holon) andererseits. Dieses Prinzip und eine damit verbundene Haltung und demgemäße Forschung und Wissenschaft  läßt sich auf nahezu alle Lebensgebiete übertragen.

Ausgangspunkt für die Entstehung dieses Ansatzes war die Erkenntnis: Einerseits gibt es immer mehr Spezialisten, die sich bei ihrer Forschung auf immer kleinere Teilgebiete fixieren. Auf der anderen Seite finden sich holistische Positionen, die das Konkrete aus dem Blick lassen oder verlieren.  Aus partial-holistischer Sicht sind beide Positionen für sich genommen unzureichend. Die Spezialisten laufen Gefahr, die Zusammenhänge und das übergreifende Ganze aus dem Blick zu verlieren, und die Holisten, dem Detail zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Forschungsparadigma des Partial-Holismus eröffnet dem Forscher einen mehrdimensionalen Zugang zum Forschungsfeld sowie zum betreffenden Gegenstand der wissenschaftlichen Bearbeitung.  Eine partial-holistische Perspektive zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sowohl Problemstellungen in ihrem jeweiligen Kontext ernst genommen werden, als auch gleichzeitig der gesellschaftliche wie auch globale Blick dazu realisiert wird. Der partial-holistische Ansatz würdigt die  bestehenden Forschungsansätze (wie Phänomenologie, Hermeneutik, Empirie – quantitative und qualitative Forschung -, Dialektik und Kritische Theorie, Aktionsforschung etc.) . Er sieht bei anderen Positionen deren Stärken und macht sich diese zu Nutze, aber auch die Schwächen und versucht diese zu vermeiden. Partial-Holismus versteht sich nicht als Addition anderer Ansätze, sondern als eine eigenständige Denk-, Forschungs- und Lebensposition. Der Partial-Holist ist kein reiner Phänomenologe, Hermeneutiker, Aktionsforscher o.ä., sondern er betrachtet alles Einzelne als Teil seines Ganzen und will – als Forscher – den Teil mit der gewählten Fragestellung zureichend erforschen, allerdings möglichst immer auch mit dem Blick auf dessen Ganzes. Der Partial-Holismus ist kein Eklektizismus. (Vgl. dazu  bes. N. Huppertz, Partial-Holismus, in: E. Mührel/B. Birgmeier, Theorien der Sozialpädagogik, Wiesbaden 2009, S. 85-97)

Ziel der partial-holistischen Forschung ist u.a. der Versuch, die leidige Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überwinden, aber auch, verbunden  mit einer Lebensbezogenen Pädagogik, zu einer umfassenden Theoriebildung für die Erlangung eines gelingenden Lebens von allen und allem beizutragen.

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Partial-Holismus und Lebensbezogene Pädagogik 

in der eigenen Darstellung von Norbert Huppertz 

(aus: K. Gebhard / M. Meurer (Hg.): Lebensbezogene Pädagogik und Partial-Holismus. Bildung und Forschung für ein gelingendes Leben. PAIS-Verlag, Oberried 2010, S. 9 - 29)

Norbert Huppertz

Partial-Holismus und Lebensbezogene Pädagogik – Grundlegung

Inhalt
  1. Partial-Holismus – im Bild des Elefanten

  2. Konkrete Annäherung zum Leben

  3. Teil und Ganzes – etymologische Begründung sowie Originarität des „Partial-Holismus“

  4. Wozu dient Forschung und Wissenschaft? -
    Gelingendes Leben als Ziel

  5. Verantwortlichkeit

  6. Zum Ziel erziehungswissenschaftlicher Forschung

  7. Grundgedanke und Grundannahmen

  8. Werte als Ausgang und Ziel partial-holistischer Wissenschaft

  9. Partial-Holismus – in Verbindung mit anderen Denk- und Forschungspositionen

    1. Zum Motto des Partial-Holismus

    2. Ein partial-holistisches Denk- und Wissenschaftsmodell

  1. Zu Ende denken

  2. Partial-Holismus und Praxis

  3. Praxis der Forschung -
    Wie ein partial-holistischer Forscher vorgeht

  4. Grenzen des Partial-Holismus

  5. Partial-Holismus und Lebensbezogener Ansatz


1. Partial-Holismus – im Bild des Elefanten

Etwas Fantasie: In einem dunklen Zirkuszelt dürfen Kinder sich an einem Ratespiel beteiligen. Es könnten auch Erwachsene sein. Fünf an der Zahl werden an eine bestimmte Stelle geführt und dürfen raten, um was es sich handelt bei dem, was sie da fühlen, ertasten und evtl. erkennen könnten. Kind 1: „Das ist ein Pinsel, was ich da in der Hand habe.“ Kind 2: „Ich liege auf einer Turnmatte – weich und so gut gepolstert.“ Kind 3: „Ich habe eine Fächer, den ich bewegen und mit dem ich frische Luft erzeugen kann.“ Kind 4: „Was ich habe, ist ein Keil, so spitz und hart.“ Kind 5: „Das ist eine Säule, was ich hier habe, rundlich, kraftvoll, unten ein bisschen dicker.“ Die Kommentare könnten auch von einer einzigen Person stammen, die mit verbundenen Augen bzw. im Dunkeln an die einzelnen Stellen geführt würde und „blind“ wäre für die Erkenntnis des Ganzen – nämlich des Elefanten, bei dem zuerst der Schwanz (Pinsel), dann der Rücken (Turnmatte) und das Ohr (Fächer) und schließlich der Zahn (Keil) sowie das Bein (Säule) gefunden und „falsch“ identifiziert wurde – falsch, weil die Erkenntnis auf den Teil (pars) gerichtet blieb und für das Ganze (holon) verstellt war. Dass hier das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile (Satz von der Übersummativität) liegt auf der Hand.

Diese abgewandelte Geschichte von der Blindheit für das Ganze (damit für Wahrheit) auf Grund der Beschränktheit auf die Teile mag eine vorläufigen Eindruck von Partial-Holismus geben, wobei anzumerken ist, dass Teile selbstverständlich eine große Bedeutung haben können und insofern, je nach Gegebenheit, selber und als solche wieder zu ganzheitlicher Betrachtung verlangen, z.B. das Ohr als Sinnesorgan des Elefanten, um im Bild zu bleiben.

2. Konkrete Annäherung zum Leben

Den Teil im Zusammenhang mit seinem Ganzen zu betrachten, bedenken und erforschen – das möglichst oft und, wo immer es geht, mit praktischen Konsequenzen – u. a. im eigenen Verhalten, so unge­fähr ließe sich Partial-Holismus grob umreißen. Im Folgenden seien einige impressionistische Beispiele, wie es gemeint sein könnte, angerissen:

3. Teil und Ganzes – etymologische Begründung sowie Originarität des „Partial-Holismus“

Was ist das Originäre, oft wird gefragt: - das „Neue“ – am Partial-Holismus?

Es ist nicht nur die Terminologie (Partial-Holismus von lateinisch Pars = der Teil und von griechisch Holon = das Ganze), die hier neu gebildet wurde und Originarität beansprucht, sondern auch die Sache selber ist in der Denk- und Wissenschaftsgeschichte sichtbar so nicht ausgeführt. Selbstverständlich findet sich in jedem philosophischen Wörterbuch ein Artikel über „Ganzheit“, „Gestalt“ o. ä., und selbst­ver­ständlich ist ganzheitliche Orientierung geläufig, etwa in der Medizin und Ökologie etc., aber Teil-Ganzheitlichkeit, wie man evtl. Partial-Holismus verdeutschen könnte, im Verständnis unserer Sinn­gebung wohl nicht.

Ganz“ (holon) bedeutet ja bereits seit Aristoteles „alle“. So werden im Partial-Holismus (möglichst) alle Disziplinen und Positionen gewürdigt, gefragt und genutzt – evtl. zum Einsatz gebracht.

Im Partial-Holismus wird beides – der Teil und (!) das Ganze in sinnvoller Weise beachtet und bearbeitet, und zwar nicht nur argumen­tativ (mental), sondern, wo und inwieweit es geht, auch forschungs­praktisch sowie lebenspraktisch im weitesten Sinne. Tradierte philosophische Ganzheitspositionen bleiben theoretisch und geben zu wenig konkrete Anregungen für das konkrete Detailhandeln.

Der Partial-Holismus ist heute in seinen Wesenselementen benannt, aber bisher nicht ausreichend ausformuliert, wozu vermutlich mehrere Leben notwendig wären. In Verbindung mit den theoretisch und literarisch weiter ausgearbeiteten Publikationen des Begründers und mit den Anwendungsarbeiten (z. B. in diesem Band) ist jedoch ein passables Stadium erlangt worden, an dem weiter zu arbeiten ist.

Ist der Partial-Holismus ein Eklektizismus?

Die Frage stellt sich analog für jede auf Originarität setzende Denk- und Handlungsposition. Es sei denn, man stellt sie selber nicht und überlässt die Einschätzung anderen. Hier ein Antwortsversuch: Wenn es als Eklektizismus bezeichnet wird, Gedankengut und Denk­posi­tionen anderer zu untersuchen, zu würdigen und daran zu partizipieren – dann „ja“; wo es aber darum geht, die eigene Idee zu haben und diese mit den Ideen anderer (großer!) Denker zu bereichern – und (!) wenn dabei ein neues Ganzes mit seinen Teilen entsteht, dann erledigt sich für den wohlwollend Denkenden der Einwand des Eklektizismus von selber.

Hat Recht, wer heilt? An diesem medizinischen Slogan dürfte etwas dran sein. Der Partial-Holismus findet jedenfalls sehr viel Akzeptanz, besonders bei jenen, die an Lebensverbesserung und Gerechtigkeit interessiert sind.

4. Wozu dient Forschung und Wissenschaft? Gelingendes Leben als Ziel

Forschung und Wissenschaft können nicht zweckfrei und - insofern zu Ende gedacht wird – auch nicht wertfrei sein. Es geht dabei um die Frage, welchen Werten sie dienen will und soll – und wie diese gefunden und legitimiert sind. Dass Forschung und Wissenschaft prinzipiell frei und unabhängig sein müssen, muss theoretisch mindestens grundgelegt und verfasst werden. Verführbarkeit und tatsächliche Verführung in der Wirklichkeit sind zur Genüge bekannt.

Von der Position des Partial-Holismus aus wird – wertend – gefor­dert, dass Forschung und Wissenschaft dem gelingenden Leben von immer mehr Menschen dienen muss. Das ist kein Postulat ins Blaue, sondern lässt sich, z. B. mit Hilfe von Indices der Lebens­qualität, gut erläutern und belegen. Leben erhalten und dessen Qualität steigern ist das Gegenteil von Leben vernichten und die Qualität mindern.

Wenn dieses Postulat der Zielsetzung der Lebensverbesserung von allem und jedem (ich halte es in seiner Gültigkeit für evident) so reklamiert wird, ist dieses nur sinnvoll, wenn damit zugleich das Postulat der Verantwortung des Wissenschaftlers verbunden ist.

5. Verantwortlichkeit

Soll ein Forscher für das, was er erforscht, was er also an neuen Erkenntnissen gewonnen hat, und für das, was daraus werden kann oder auch wirklich wird, Verantwortung tragen? Etwas verantworten heißt dafür einstehen und es gegebenenfalls wiedergutmachen können.

Wenn wir mit einem solchen Verantwortungsverständnis an Forschung, z. B. in der Naturwissenschaft, herangehen, leuchtet unmittelbar ein, dass vieles niemals – vom Forscher selbst – verantwortet werden kann. Diese Problematik ist allgemein bekannt, aber keineswegs geklärt oder überall eingehalten. So glaube ich, müssen wir den Zusammenhang von Ethik, vor allem Verantwortung, und Forschung besonders genau bedenken. Angesichts der heutigen globalen Lage bekommt die Verantwortungsfrage für die Forschung eine ganz neue Bedeutung. Meine These: Je weiter Forschung und Wissenschaft fortschreiten (keineswegs immer gleichzusetzen mit Fortschritt), um so eher und mehr müssen auch diejenigen, die den Erkenntnisgewinn in der Hand haben, also die Forschenden selbst, sich an der Verantwortung beteiligen. Natürlich werden damit die politisch Verantwortlichen, also vor allem die Politiker selbst, aber auch die Bürger, nicht aus der Pflicht entlassen – im Gegenteil: auch ihre Verantwortungsaufgabe wächst, je weiter Forschung und Wissen­schaft voranschreiten.

Das bedeutet für die praktische Ethik in Forschung und Wissen­schaft, dass wir keineswegs alles dürfen, was wir können. Es könnten hier genügend Fälle angeführt werden, z.B. Atomforschung, Gentechnik etc. Forschung und Wissenschaft ohne ethische Wertegrundlagen bei den betreffenden Personen selber, sind auf Dauer nicht denkbar – vorausgesetzt, gelingendes Leben von allem ist der oberste Leit­aspekt. Ethikkommissionen o. ä. werden das Problem kaum regeln können. Wissenschaftler selber müssen ethische Verant­wortung haben und demgemäß ihr Tun und Lassen handhaben.

6. Zum Ziel erziehungswissenschaftlicher Forschung

Alle Wissenschaft und Forschung darf also nur dem einen ethisch legitimierbaren Ziel dienen: mehr Humanität für immer mehr Menschen. Das ist für den phänomenologisch Qualifizierten (vgl. dazu E. Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft, Frankfurt a. M. 1965) keine Leerformel, sondern ein Beitrag zu einem gelingen­den Leben der Menschen überhaupt. Forschung und Wissenschaft stehen im Dienst der Menschen. Dass Pädagogik bzw. Erziehungs­wissenschaft darin ihr Ziel und ihren Zweck haben, erscheint evident.

Allerdings müssen Wissenschaft und Forschung, wie gesagt, – wenn auch wert- und zielgeführt – aber doch frei bleiben und dürfen sich nie industriell, staatlich o. ä. korrumpierbar machen. Hier ist akademische Freiheit in ihrer eigentlichen Bedeutung gefragt und gefordert.

Will die erziehungswissenschaftliche Forschung zu mehr Humanität ihren Beitrag leisten, dann bedarf es eines dreifachen Blickes: auf die Gegenwart, die Zukunft – aber auch auf die Vergangenheit. Wir müssen als Forscher/innen auf das Leben unserer Adressaten (Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte), dessen Gelingen und dessen Bedeutung in der Gegenwart schauen und diese erkunden sowie Faktoren unerfreulicher Wirkungen ausmachen. Wir müssen als Forscher aber auch den kreativen, futurologischen Blick auf das Morgen und Übermorgen unserer Kinder und Jugendlichen und ihrer Lebensbedingungen richten und dafür – wissenschaftlich forschend - die zu einem gelingenden Leben passenden Werte und Ziele finden. Erziehungswissenschaftliche Forscher/innen werden aber auch den Blick auf Geschichte und Vergangenheit richten, – nicht allein, aber auch – um aus der pädagogischen Geschichte zu lernen.

7. Grundgedanke und Grundannahmen

Was wir betrachten und bedenken, können wir in verschiedener Hinsicht sehen, z. B. unter dem Aspekt des Nützlichen, Schönen etc. Wir können es aber auch mit Blick auf seine Teile oder mit Blick auf es als Ganzes sehen. Hier geht es darum, dass wir sowohl das Eine als auch das Andere tun – und zwar nicht nur theoretisch (griechisch theorein bedeutet ja u a. Zuschauer sein, betrachten), sondern möglichst immer und bei allem, besonders aber auch beim praktischen Handeln und Verhalten. Dieses Prinzip ist, wie schon deutlich geworden sein dürfte, gleichsam das Grundaxiom des Partial-Holismus als Denk-, Forschungs- und Handlungsposition. Güte und Qualität dieses Axioms leuchten bei und nach näherer, unvorein­genommener und rationaler Betrachtung von selber ein. Sie sind evident.

In diesem Zusammenhang wird im Partial-Holismus von einigen Grundannahmen ausgegangen, z. B.:


8. Werte als Ausgang und Ziel partial-holistischer Wissenschaft

Im Partial-Holismus wird keine Denkposition a priori verworfen, - etwa weil sie nicht in das „Schuldenken“ passen würde. Ein solches selber wird allerdings als problematisch betrachtet.

Für die Werteorientierung sehen wir die Phänomenologie als besonders bedeutsam an, u. a. weil sie versucht, möglichst autoritäts­frei zu sein, etwa ganz im Sinne von E. Husserls Motto: „Dem wahrhaft Vorurteilslosen ist es gleichgültig, ob eine Feststellung von Kant oder Thomas von Aquino, ob sie von Darwin oder von Aristoteles … herstamme. Es bedarf nicht der Forderung, mit eigenen Augen zu sehen, vielmehr: Das Gesehene nicht unter dem Zwang der Vorurteile wegzudeuten“ (Philosophie als strenge Wissenschaft, Frankfurt 1965, S. 71)

Über das Verfahren phänomenologisch-philosophischer Evidenz gefundene Werte bilden den Ausgangs- und Zielpunkt aller partial-holistischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind die legitimen Führungsinstanzen – an oberster Stelle der Wert des Lebens – immer mehr gelingendes Leben.

Im Folgenden werden einige der (mehr oder weniger konkretisierten) Werte, wie sie phänomenologisch zu finden sind, genannt.

(Vertiefend dazu: Huppertz/Schinzler 1995, S. 68 ff.)

9. Partial-Holismus – in Verbindung mit anderen Denk- und Forschungspositionen

Zu den Hauptgedanken und -prinzipien des Partial-Holismus gehört es, nichts zu verwerfen, bevor es in seinem Wesen gesehen und auf seine Güte hin geprüft wurde. Das gilt u. a. und vor allem auch im Hinblick auf andere, tradierte und teil(!)weise bewährte Wissenschaftspositionen und –paradigmata. Schon hier kann angemerkt werden: Keine der uns in Literatur oder Diskussion gegebenen Forschungspositionen (Phänomenologie, Hermeneutik, Empirie etc.) ist in unserem Verständnis partial-holistisch angelegt, dass sie die erforderlichen Vorteile böte – erforderlich letztlich im Hinblick auf das, um was es schließlich in allem geht: gelingendes Leben. Damit ist der wertebezogene Gesichtspunkt des Partial-Holismus angesprochen. Aber: Alle Wissenschaftspositionen bieten – im Teil und in besonderer Hinsicht – das Ihrige – reichen aber als solche nicht für das Ganze. Das sollte nicht als „Abkanzeln“ verstanden werden – mit welcher Berechtigung auch? -, sondern, und zwar ganz im Sinne partial-holistischer Orientierung, als Würdigung.

    9.1 Zum Motto des Partial-Holismus

Partial forschen, holistisch denken“ – so könnte ich das Motto der partial-holistischen Wissenschaftsposition betiteln, d. h.: der Forschungs­­­­­­­­gegenstand (ohne einen solchen kann nicht geforscht werden) wird als Teil ins Auge gefasst und möglichst konkret wissenschaftlich er- und bearbeitet – und(!) in seinem(!) ganzheitlichen Zusammenhang, so weit wie es geht und so weit es die Ressourcen erlauben, u. a. mit Blick auf Zeit und Budget, bedacht. Das ganzheitliche Bedenken wird in aller Regel eine theoretische Reflexion bleiben, allerdings mit ergiebigem Ausmaß, während die Wirklichkeit der Forschung sich dem „Gegenstand“ in größerem Umfang widmet.

Muss partial-holistische Forschung empirisch sein? Natürlich nicht, und vor allem nicht kritisch-rationalistisch einge­schränkt. Sie soll sich überhaupt nicht im Sinne der traditionellen Paradigmata einschränken, wenngleich sie sich aus rein prakti­schem Grunde am Ende begrenzen muss.

Wir forschen partial-holistisch, - das ist der zentrale Arbeitsaspekt -, und bedienen uns dabei u. a. der Vorteile der traditionellen Forschungs­positionen – diese werden, wie gesagt, nicht verworfen, sondern gewürdigt, wobei die Nachteile vermieden werden. Die Nach­teile ergeben sich vom Anspruch und vom Wesen des Partial-Holismus selbst her; denn die herkömmlichen Denk- und Forschungsweisen sind nicht partial-holistisch.

Inwiefern?

Der Hermeneutiker deutet und erforscht Sinnäußerungen, z. B. in aktu­el­len und alten Texten. Das ist wichtig und unverzichtbar – reicht jedoch allein für eine Forschung mit dem Ziel einer Verbesserung gelingenden Lebens nicht. Die Phänomenologie will zu den Sachen selbst gelangen und durch Deskription das Wesen der Dinge ermitteln. Das ist unverzichtbar, reicht aber für eine Forschung mit dem besagten Ziel nicht. Analoges gilt für die sonstigen tradierten und zu würdigenden Positionen (Dialektik, Kritischer Rationalismus etc.). Alle erfüllen sie einen wichtigen Teilschritt – alle verstehen sie sich aber jeweils nicht im partial-holistischen Sinne, und zwar insofern sie – immer mit Blick auf das Ganze des gelingenden Lebens von immer mehr Menschen, ja schließlich allem Leben - stückhaft bleiben. Eine solche hinreichende Forschungsposition ist nur denk­bar, wenn umfassend und nach allen Seiten hin weiter und, wo möglich, zu Ende gedacht und gefragt wird. Vor allem darf man sich dabei als Forscher nicht scheuen, - ja man muss es -, Ethik- und Wert­fragen, besonders den Auftrag der Verantwortung, einzubezie­hen, und nicht (im Gegenteil dazu) diese positivistisch parzellierend gleichsam in das Vorzimmer der Wissenschaft verweisen.

Auch das Rollenver­ständnis der in der Wissenschaft Tätigen muss partial-holistisch gesehen werden, wobei man dann nicht sagen kann: „Hier bin ich Wissenschaftler, und nichts anderes“ (das wäre rein teilhaftes, und nicht holistisches Denken), sondern wissenschaftlich tätige Menschen verkörpern immer auch andere Rollen, z.B. als ethisch verpflichteter und verantwortlicher Mensch.

Somit muss auch die Denkposition partial-holistisch (wohlwollend-kritisch) gesehen werden und ebenso das Rollenverständnis des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin.

    9.2 Ein partial-holistisches Denk- und Wissenschaftsmodell

Das folgende Schema soll anregen, das partial-holistische Denk- und Wissenschaftsmodell als solches besser zu verstehen, und (verkürzt) den Nutzen und die Vorteile der tradierten Forschungspositionen mit ihrer hauptsächlichen Zielsetzung zu verdeutlichen.

Der erste Schritt des partial-holistischen Forschers ist eine mehr intuitive Betrachtung des Gegenstandes mit Blick auf sein Ganzes.

Die nächsten Schritte können sich an den tradierten wissenschaft­lichen Positionen mit ihren Zielsetzungen orientieren:


Partial-Holismus

Wie gesagt: Forschung und Wissenschaft, die sich jeweils nur einer dieser Positionen bedient, kann durchaus sinnvoll, aber keineswegs ausreichend sein. Es reicht auch nicht, sie nur additiv zu verbinden, sondern das gesamte Denken und wissenschaftliche Handeln des Forschers muss von vorne herein ein wesentlich Anderes sein, wodurch dann auch ein wesentlich Neues entsteht: eine neue eigenständige Forschungsposition mit zahlreichen Vorteilen, welche der einzelnen traditionellen entgehen müssen – vor allem mit dem Blick auf immer mehr gelingendes Leben von allen und allem.

10. Zu Ende denken

Der Partial-Holismus will stets bemüht sein, die Dinge weiter und zu Ende zu be-denken. („Respice finem“ – „Betrachte das Ende, den Zweck …“) Das Gegenteil wäre, sie nur hier und jetzt sowie in ihrer Vereinzelung oder gar noch nur in einem einzigen Aspekt zu sehen. Das ist negativ und unphänomenologisch atomistische Parzellierung und Zerstückelung.

Zu Ende denken“ im weiteren Sinne meint hier etwa Folgendes:


11. Partial-Holismus und Praxis

Partial-Holismus, so der hier vertretene Anspruch, ist nicht nur ein geeignetes Forschungs- bzw. Wissenschaftsmodell, sondern soll weit darüber hinaus denkbar und praktisch anwendbar sein, wobei daran zu erinnern ist, dass auch Wissenschaft und Forschung in ihrer Anwendung immer praktisch sind, mag es sich auch – vor allem je nach Verständnis von Wissenschaft – um eine anderweitige Weise des Praktisch-Seins handeln. Partial-Holismus versteht sich, wie erwähnt, als Denk-, Arbeits- und schließlich Lebensmodell. Die zu Grunde liegenden Prinzipien und Werte gelten nahezu für alle Arbeits- und Lebensbereiche, insofern überall Mensch und Menschheit betroffen sind – ganz besonders jedoch auch in der praktischen Pädagogik. Mit der Begründung des Lebensbezogenen Ansatzes in der Elementarpädagogik hat der Verfasser die Grundannahmen und Arbeitsprinzipien des Partial-Holismus für den Bereich der Erziehung und Bildung bis zur Einschulung in exemplarischer Form ausge­arbeitet (vertiefend dazu: Huppertz, 1992). Desgleichen wäre eine praktische Ausarbeitung für Grundschule, weiterführende Schulen, außerschulische Jugendbildung, Erwachsen­en­bildung, Sonder­pädago­gik, bis hin zur Wirtschaftspädagogik denkbar und wünschenswert; denn überall geht es um Bedürfnisse, Werte und Ziele, Methoden, Bildungsinhalte usw. Diese gesellschaft­lichen Gebiete ließen sich auch nach dem Partial-Holismus entwickeln und evaluieren.

12. Praxis der Forschung –
Wie ein partial-holistischer Forscher vorgeht

Nehmen wir einmal an, es sollte die Planung der didaktischen Arbeit im Elementarbereich partial-holistisch erforscht werden. Wie würde dabei ein partial-holistischer Forscher vorgehen? Wie hätte man zu beginnen? Welche Schritte wären zu tun? Das soll hier einmal grob angedacht werden.

  1. Die Sache selbst.- Selbstverständlich ist zunächst bei jeder Forschungsarbeit Klärung darüber herbeizuführen, um was es geht. Wer Planung – in welcher Weise und wozu auch immer – wissenschaftlich bearbeiten will, sollte sich also der phäno­meno­logischen Anstrengung nicht entziehen, dem Wesen von Planung nachzuspüren und dabei möglichst viel Klarheit herbeizuführen. Dieser Beschreibungsprozess muss unvorein­ge­nommen, vorurteils­frei und unideologisch von statten gehen. Positiv gesprochen: Es muss mit positiv formulierten Sätzen beschrieben werden, was das Wesen von Planung ausmacht. Die beschreibenden Aussagen sind „richtig“, wenn sie bei einem befähigten Kommunikations­partner Zustimmung erhalten, indem dieser ein „Ja, so ist es!“ ausspricht. Die Kommunikation muss dabei autoritätsfrei ver­laufen. Als Modell kann der klassische Diskurs dienen. Anstöße und Voraussetzungen dazu bietet die Phänomenologie.

  2. Verstehen, Sinn und Text.- Forschung, Wissenschaft und Theorie­bildung betreiben bedeutet immer auch, sich mit Fragen und Problemen von „Text“, Sinn und Verstehen zu befassen. „Text“ ist dabei nicht nur der geschriebene, sondern auch der gesagte. Bei unserer Forschungsaufgabe zu „Planung“ finden wir Aussa­gen in der Literatur und in der Lebenswelt betroffener Menschen, hier pädagogisch tätige Personen, - alles das will „verstanden“ werden, und bei all dem handelt es sich um solches, „wo Geist zu Geiste spricht“. Zu dem kommt die Aufgabe des Verstehens im Sinne von Empathie. Wer bei Erzieher/innen in der Elementar­pädagogik über Planung sprechen möchte, sollte ein guter Versteher sein – nicht nur, aber auch im Verständnis der Einfüh­lung. Schulen und Helfen lassen kann man sich für die Bewältigung dieser Aufgabe am besten durch die Hermeneutik.

  3. Über das Gegenteil zu einem höheren Niveau.- Wenn wir davon ausgehen, dass sich zu allem auch das Gegenteil denken lässt – sei es im konträren oder das kontradiktorischen Gegensatz -, und wenn wir voraussetzen, dass unter dem Aspekt von Wahrheit an allem „etwas dran sein könnte“, dann lohnt es sich, nach dem Gegenteil zu fragen, d. h. z. B. nach dem Schema von These und Antithese mit der Aussicht auf eine Synthese vorzugehen. Als das Gegenteil von Planung (bezüglich wessen auch immer) kann Nichtplanung bzw. das Motto „Mal sehen, was kommt“ oder „Etwas Planung“ angenommen werden – evtl. auch mit der Inkauf­nahme von Chaos. Wer etwas wirklich nach allen Seiten hin denkerisch, argumentativ oder auch wirklichkeitsbezogen ausloten möchte, tut gut daran, sich zu befassen mit den Grundgedanken der Dialektik.

  4. Bedingungen erklären und Voraussagen treffen.- Der Kritische Rationalismus als wissenschaftstheoretische und forschungs­metho­dische Basis der rein empirischen, vor allem quantitativen Forschung, sieht die Aufgabe der Theoriebildung darin, Sachverhalte zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren. Alle drei Funktionen zusammen werden als Informieren bezeich­net. Eine Theorie soll also informativ sein. Alle Wertung und Stellungnahme gehört nicht in das Aufgabengebiet des Forschers qua Forscher. Wertungsneutralität ist eines der obersten Gebote im Kritischen Rationalismus.

    Auf das Beispiel des Planens bezogen würden also die Forschungs­arbeiten des Kritischen Rationalismus sich auf ein Wirk­lich­keits­phänomen oder –problem im Zusammenhang mit z.B. didakt­i­scher Planung richten, etwa in der Elementar­pädago­gik. Es könnte die Aufgabe sein, der Frage nachzugehen, ob offizielle und landes­weit verbindliche Bildungspläne eher von planungs­freund­lichen oder eher von planfeindlichen Erzieherinnen umge­setzt werden. Mit Hilfe der Operationalisierung sowie der Erste­l­lung von genauen Erhebungs­instrumenten werden Daten über die soziale Wirklich­keit erhoben; es werden die Gütekrite­rien der Objekti­vi­tät, Validität und Reliabilität beachtet; Statistik und SPSS finden Anwendung etc. Schließlich würde man u. a. sagen können, und zwar „empirisch belegt“, ob die Annahme, dass planungs­freund­liche Erziehe­rin­nen Bildungspläne besser umsetzen als gegen­teilig eingestellte. Außerdem können dann, falls gewollt, bezüglich der Erzeugung von planungsfreundlichen Orientie­rungen, etwa in Aus- und Fortbildung, entsprechende Prognosen abgegeben werden.

    Die Position des Kritischen Rationalismus ist für den Partial-Holismus sehr bedeutsam, wenngleich sie hinter diesem insgesamt in Anspruch und Reichweite weit zurückbleibt. Kritische Rationa­listen betrachten aber genau das als ihre Stärke, nämlich die strenge Eingrenzung, z. B. auf eine Hypothese; außerdem die Distan­zierung von der Wertung. Der Partial-Holismus dagegen bezieht den gesamten Wertungsprozess mit in die Forschung ein, ist sich dessen aber bewusst – und weiß, dass er phasenweise in seinem Forschungsprozess möglichst absolut wertneutral sein muss. Darum bemüht er sich. Gelingen wird es ihm auf Grund seiner phänomenologischen Qualifikation (z. B. „Zu den Sachen selbst“; „Ja, so ist es“; etc.).

  5. Praxis verändern.- Aus der Kritik am Kritischen Rationalismus, vor allem mit dem Vorwurf, es würden nur Berichte und Bücher zur weiteren Anreicherung der Bücherregale produziert und solche Forschung verändere nicht die Wirklichkeit, entstand die Aktionsforschung. Sie bedient sich empirischer Methoden – allerdings nicht mit der Zielsetzung, soziale Wirklichkeit („nur“) zu erklären, sondern sie zu verändern, und zwar möglichst sofort und parallel während des Forschungsprozesses. Der Aktions­forscher will „neue“ Praxis möglichst sofort generieren. Würde er eine Studie über didaktische Planung durchführen, wäre – um es vereinfacht zu sagen – sein Ziel, Erzieherinnen möglichst schon bei der ersten Befragung in planungsfreundliche Persön­lich­­keiten zu wandeln. Dieser engagierte Impetus der Veränderung erscheint auf den ersten Blick sympathisch, verfehlt aber evtl. die ruhige und gelassene Wahrheitsfindung über Wirklichkeit. Der Partial-Holismus geht damit nur zum Teil konform.

    Im Partial-Holismus greifen wir jedoch die Engagiertheits­kompo­nen­te auf, und insofern ist es uns nicht gleichgültig, ob etwa Erziehe­rin­­nen zu Gunsten des gelingenden Lebens von Kindern ihre Arbeit gründlich und gemäß den Vorgaben von Bildungs­vor­schriften planen oder nicht. Falls es möglich ist, ruhen und rasten wir nicht, bis sich Praxis bewegt hat. Insofern sind Partial-Holisten immer praktisch politisch aktiv. Sie vernetzen sich und kooperieren.

  6. Hinterbühne und Unscheinbares.- Alle Menschen haben einen mehr oder weniger „verborgenen“ Bereich in ihrem Leben, eine Art Hinterbühne. Diesen Bereich, ob in Schule, Kindergarten – oder wo auch immer – zu erforschen, bemüht sich Alltagsorientierte Forschung. Außerdem das sog. „sonst Unscheinbare“, Kleine, nicht so Angesehene des Lebens. Dazu hat die Alltagsforschung bestimmte Methoden entwickelt, z. B. die verdeckte (oder nicht verdeckte) teilnehmende Beobachtung. Ein alltagsorientierter Forscher könnte sich, um auf den Plan zurückzukommen, dafür interessieren, was Erzieherinnen tatsächlich über Planung denken und wie sie darüber auf der Hinterbühne nach der Teamsitzung im Kindergarten sprechen. Ein offizielles Praktikum im Kindergarten könnte im Sinne der teilnehmenden Beobachtung viel Aufschluss geben.

  7. Vernetzungen im Ganzen sehen.- Systemik und Vernetzung als Denk- und Wirklichkeitssichten können uns als Partial-Holist durchaus inspirieren. Das System wird gerne mit dem Bild von einem Mobile in Verbindung gebracht: Bewegt man ein Element am Mobile, bewegt sich das Ganze in allen Teilen zusammen.


Mit am gelungensten konnten wir die partial-holistische Forschungs­position anwenden in der Jugendstudie der Stadt Neuenburg am Rhein (Vertiefung in Huppertz 1996, bes. S. 13 ff)

Wie konnten dabei die integrierten traditionellen Wissenschafts-ansätze genutzt werden?

Ein Beleg aus der o. g. Veröffentlichung:

Alle diese Denk- und Forschungspositionen werden vom partial-holistischen Standpunkt aus in ihrer Dignität gesehen und geachtet, allerdings auch in ihrer jeweiligen Enge im Hinblick auf die wirklichen Erfordernisse, z.B. bei der Frage nach der theoretischen und praktischen Gestaltung des Jugendanliegens. Alle Ansätze werde im partial-holistischen Forschungsschema aufgehoben und überhöht.“ (Huppertz 1996 S. 17 f.)

Weiterhin fand der Partial-Holismus jedoch auch im Rahmen anderer Studien, die unter Leitung des Begründers stattfanden, Anwendung, - u. a. auch in dem Landesprojekt der wissenschaftlichen Begleitung zur Implementierung des Orientierungsplanes für Erziehung und Bildung in baden-württembergischen Kindergärten. (Siehe dazu www.wibeor-baden.de)

13. Grenzen des Partial-Holismus

Selbstverständlich sind der partial-holistischen Forschungsarbeit auch Grenzen gesetzt, die deutlich gesehen werden müssen. Ein Forschungsgegenstand kann ja in sich z.B. in aller Ausführlichkeit rein phänomenologisch bearbeitet werden, wie den großen Arbeiten auf der Basis der Phänomenologie leicht zu entnehmen ist (z. B. Edith Stein, Zum Problem der Einfühlung; Hans Reiner, Freiheit, Wollen und Aktivität. Phänomenologische Untersuchungen in Richtung auf das Problem der Willensfreiheit).

Es erübrigt sich, darauf hinzuweisen, dass derlei im partial-holistischen Denk- und Forschungsparadigma nicht gemeint sein kann, wenn von Nutzen und Anwenden der Phänomenologie die Rede ist. Nein, es soll aber der phänomenologische Grundgedanke bekannt sein und (so weit als möglich) zur Anwendung gelangen, z. B. bei der Frage nach dem Wesen der Sache usw.

Das Gleiche gilt für die anderen Ansätze. Wobei zu bedenken und zu beto­nen bleibt, dass eine Anwendung der jeweiligen Ansätze im Einzelnen gerade nicht den Partial-Holismus ausmacht – im Gegen­teil: eine rein phänomenologische, eine reine empirische (sei es quantitativ oder qualitativ), eine rein hermeneutische Forschung reicht eben nicht aus und ist auch nicht ein integraler Bestandteil des partial-holistischen Paradigmas, wenn sie unvernetzt bleibt und nicht holistisch verwendet wird.

Partial-holistische Forschung muss leistbar bleiben und ist es auch. Sie hat ihre Grenzen nicht nur in dem Sinne, wie es eben dargelegt wurde, sondern auch, rein pragmatisch betrachtet, in der Zeit sowie den ökonomischen Gegebenheiten – also schließlich in der Praxis des Lebens selber.

14. Partial-Holismus und Lebensbezogener Ansatz

Es konnte und sollte deutlich geworden sein: Das partial-holistische Paradigma versteht sich als werteorientierten und werteorientie­ren­den Ansatz, und zwar im Hinblick auf sein Wissenschafts- und Forschungs­verständnis, auf seine Auffassung von Leben allgemein und im Hinblick auf pädagogisches Arbeiten, wo und in welchem Bereich auch immer. Als orientierender Ansatz verstanden, will Partial-Holismus vor allem auch mit der Zielsetzung einer pädagogischen Einfluss­nahme begriffen werden. Insofern ist es naheliegend, den Partial-Holismus in Verbindung mit dem Lebensbezogenen Ansatz in der Elementarpädagogik zu betrachten; beide gehören – ganz im Sinne partial-holistischen Denkens - als Teile eines Ganzen zusam­men. Wo liegt das Verbindende?

Der Partial-Holismus als Wissenschafts- und Lebensposition orientiert sich, wie erwähnt, an phänomenologisch gefundenen Werten – oberste Werte sind gelingendes Leben und Weltbürger­lichkeit (vgl. hier Kapitel 8). Eine Pädagogik ohne Wertorientierung ist nicht denkbar, und insofern wurden, logisch konsequent weiter und zu Ende gedacht, diese Werte auch zu Führungsinstanzen und pädagogischen Zielen im Lebensbezogenen Ansatz für Elementar­pädagogik und andere pädagogische Bereiche. Passend zu den Werten und Zielen, z. B. Frieden, Partizipation und Gerechtig­keit, treten wir für den demokratischen Erziehungs- und Führungsstil sowie für humanes Verhalten überhaupt ein – immer mit dem Blick auf Inklusion und gelingendes Leben von immer mehr Menschen. Pädagogik wird damit als angewandter Partial-Holismus zu dem, was sie ist: zum ethischen Prinzip des Lebens.

Literatur

Huppertz, N.: Lebensbezogener Ansatz, in: Handwörterbuch für Erziehe­rinnen und Erzieher, 2. aktualisierte Auflage, Berlin 2010, (S. 242-244)

Huppertz, N.: Partial-Holismus – Eine werteorientierte Position der Theoriebildung in der Sozialpädagogik. In: Mührel, E./Birgmeier, B. (Hrsg.): Theorien der Sozialpädagogik – ein Theorie-Dilemma? Wiesbaden 2009, (S. 85-98)

Huppertz, N.: Besser sprechen – mehr Schulfähigkeit. Bögen für: Beobach­tung, Dokumentation, Förderung im Kindergarten, Oberried 2009

Huppertz, N., (Hg.): Lernort Grenze – Eine Begegnungsdidaktik, Oberried 2008

Huppertz, N./Blau, M.: FABIAN und die französischen Kinder/Fabian et les enfants francais, (Zweisprachiges Bilderbuch), Oberried2005

Huppertz, N.: Der Lebensbezogene Ansatz im Kindergarten, Freiburg 2003

Huppertz N. (Hrsg.). Theorie und Forschung in der Sozialen Arbeit. Neuwied 1998.

Huppertz, N.: Jugend und Jugendarbeit heute. Partial-holistische Studie der Stadt Neuenburg, Oberried 1996

Huppertz, N./Schinzler, E.: Grundfragen der Pädagogik, Köln 1995

Huppertz, N.: Erleben und Bilden im Kindergarten. Der lebensbezogene Ansatz als Modell für die Planung der Arbeit, Freiburg, Basel, Wien 1992

Lechner, J.-J./Mägdefrau, J. (Hg.): Partial-Holismus in der Sozialen Arbeit. Erfahrungen mit einer Forschungsposition, Oberried 1998

Reiner, H.: Woher unsere Werte kommen, bearbeitet von Huppertz, N. und Mittmann, A., Oberried 2003

Reiner, H.: Von den Werten, Oberried 2001

Reiner, H.: Freiheit, Wollen und Aktivität. Phänomenologische Untersu­chun­gen in Richtung auf das Problem der Willensfreiheit, Leipzig 1927

Stein, E.: Zum Problem der Einfühlung, Reprint der Originalausgabe von 1917, München 1980

Kapitel 3.2: Das Forschungsfeld aus partial-holistischer Sicht. In: Brandstetter R., Zur Wirksamkeit der kooperativen Förderung von verhaltensauffäligen Hauptschülerinnen und Hauptschülern, Partial-holistische Exploration zur individuellen Lern- und Entwicklungsbegleitung. Hamburg 2009.

Lierenfeld R. Der Partial-Holismus als Denk- und Forschungsmodell einer Pädagogik in heutiger Zeit. Freiburg 2004. (Diplomarbeit PH Freiburg)

In optimaler Weise konnte der Partial-Holismus angewandt und in der praktischen Forschung erprobt werden in der Neuenburger Jugendstudie: vgl. dazu N. Huppertz, Jugend und Jugendarbeit heute. Partial-holistische Studie der Stadt Neuenburg, Oberried 1996.



Internet:

http://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Huppertz

http://de.wikipedia.org/wiki/Holismus